Editorial FUNKAMATEUR 10/2026
Schon Zukunft?
Die IFA 2026 ist jetzt Vergangenheit, und doch behauptete sie noch vor wenigen Wochen, dass das Heute schon die Zukunft sei, natürlich vornehm und abgehoben mit den Worten „The future is now“. Es ist natürlich blanker Unsinn, schon aus rein logischen Gründen, wenn das Künftige bereits die Gegenwart sein soll. Was könnten kommende Zeiten nach dieser „Zukunft“ sein? Das Ende aller Entwicklungen, Weltuntergang? Hoffentlich nicht, wenngleich die kleine und die große Politik wenig Anlass zu Optimismus geben.
Die Messeveranstalter jedenfalls trugen strahlenden Optimismus zur Schau. Wieder lobten sie sich und ihr Produkt in nun schon gewohnter Bescheidenheit bereits vorab: „Die IFA 2026, das weltweit größte Event für Consumer Electronics, Home Appliances und Future Tech …“. Einfachste Dinge wurden mit exklusiv klingendem Sprachgeklingel garniert, etwa wie „Smart Living trifft Wellbeing“, „Future Tech“, und selbst ein IFA-Andenken-Verkaufsstand mutierte zum „Merch-Shop“. Die Liste solcher Auswüchse könnte fortgeführt werden, wir wollen uns das hier ersparen. Fazit: Das IFA-Neusprech war in diesem Jahr besonders verlottert und wirkte eher abstoßend als einladend.
Vielleicht haben das auch potenzielle Aussteller so empfunden und blieben deshalb diesem „Event“ lieber fern. Wenn der bislang größte Aussteller Samsung fehlte und es (vielleicht gar aus Kostengründen?) vorzog, am Gendarmenmarkt eine eigene Geräteausstellung zu präsentieren, dürfte dies als Warnsignal in puncto IFA-Akzeptanz zu werten sein. Dass auch der türkische Vestel-Konzern, bisher seit Jahren in der Halle 8.2 zu finden, Verzicht übte, ist ebenfalls ein schlechtes Zeichen: Zwei Großaussteller sagten ab, und frühere Weltkonzerne aus Japan und Europa, einst mit eigenen Hallen vertreten, agieren, wenn überhaupt, nur noch als Fußnoten auf dieser Messe.
Es ist anzumerken, dass es immer schwerer sein dürfte, eine gegenständliche Messe wie die IFA für Aussteller und Besucher gleichermaßen attraktiv zu machen. Wesentliche Teile der europäischen Unterhaltungselektronik-, aber auch der Automobil-Industrie wurden vor rund 25 Jahren nach China „ausgelagert“, da darf man sich nicht wundern, wenn heute chinesische Konzerne den Markt dominieren – und folglich auch die relevanten Messen. Sinngemäß trifft das auch für japanische Unternehmen zu; die einstigen Lehrlinge an der verlängerten Werkbank in China haben ausgelernt und übertreffen jetzt ihre Lehrer. Doch gibt es ja immer noch einschlägige Hersteller in Europa und auch in Japan, und es sollte doch möglich sein, die wieder auf das Messegelände zu locken.
Dafür müsste wohl noch an der Messekonzeption gearbeitet werden: Wer soll angesprochen werden, der Fachhandel oder Otto und Gerda Normalbürger, die danach vielleicht den Fachhändler aufsuchen, um der Neuheiten teilhaftig zu werden? Jetzt herrscht ein einziges Durcheinander mit öffentlich besuchbaren Ständen und abgeschlossenen Bereichen, die nur für den Fachhandel da sind. Und natürlich sollte die Sprachregelung dahingehend überarbeitet werden, weniger laut und stattdessen wieder verständlicher zu sein.
Wolfgang E. Schlegel


